WA034 It’s a Wonderful Life

Das Beste kommt zum (Jahres)Schluss! Oder etwa doch nicht? Christian hat mit Frank Capras “Ist das Leben nicht schön?” einen der Weihnachts-Klassiker rangekarrt. Doch irgendwie schmeckt das zuckersüße Märchen nicht ganz. Liegt es am fehlenden Schnee während unserer Aufnahme? Zündet der Humor des Filmes nicht? Wer mehr herausfinden möchte, lege sich diese Folge auf die Lauscher.

Wie auch immer euch der Film gefällt, wünschen wir allen unseren Hörern noch ein paar erholsame Tage und einen guten Rutsch ins neue Jahr!

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Podcast-Empfehlungen: Der gute Schnitt | Spätfilm

3 Kommentare

  1. Thomas

    IHR zwei herzlosen TYPEN. Filme sind dann doch ganz offenbar immer ein Psychogramm ihrer Kritiker 🙂
    1. Es ist ein Nachkriegsfilm. Logischerweise spielt also die Kriegsebene eine Rolle. Der Patriotismus ist doch aber fern von Botschaft des Films. Spielt für die eigentliche Handlung, außer als MacGuffin für ein paar Plotentwicklungen, keine Rolle.
    2. Als Fazit zu konstatieren, dass Geld alles lösen kann, zeugt von komplettem Unverständnis. Der Film ist eher eine Kapitalismus-Satire als Kapitalismushörig. Und in einer solchen Satire ist es doch total clever, dem bösen Bankier als Protagonisten einen total guten, selbstlosen Bankier gegenüberzustellen. George Bailey arbeitet unwirtschaftlich, weil ihm die Gemeinschaft wichtiger ist als alles andere (Hier spielt das Regionalthema, das ihr in Baileys Fernweh kurz ausgemacht habt, eine viel größere Rolle auch im Hauptthema des Films). Und nur, weil er so unwirtschaftlich handelt, kann der Verlust des Geldes eine derartige Auswirkung haben. Ginge es ums Geld, könnte er sich locker von Potter übernehmen lassen. Tut er aber nicht, weil er sein Lebenswerk gegenüber der Gemeinschaft zerstört sieht.
    Und lösbar sind die Probleme durch Geld-VERZICHT. Wenn die Gemeinschaft zunächst versucht, die Bank zu retten, indem sie winzige Summen abhebt, dann später im großen Stil spendet (nicht um irgenwen zu bereichern, sondern um das GEMEINSCHAFTS-Projekt der Regionalbank zu retten), dann ist das als Kapitalismus im ganz kleinen, regionalen Stil doch fast am Ideal des Kommunismus.
    3. Zu dick? Seid ihr herzlos!

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  2. Christian

    Die Filmkritik ist selbstverständlich ein Spiegelbild ihrer Verfasser. An einem Laberpodcast wie unserem, könnten nerdig-cinephile Psychoanalytiker genauso viel Freude haben, wie an jeder beliebigen Diskussion in einem Filmforum.

    Deine Lesart, die in dieser ur-amerikanischen Erzählung eine kommunistisch angehauchte Kapitalismus-Satire findet, beeindruckt mich. Ich bin für deine argumentative Krücke sogar dankbar: dass die Geschäftsform “Regionalbank” den gemeinnützigen und gerechten Finanzakrobaten George Bailey kennzeichnet, ist absolut schlüssig von dir formuliert.

    Mein Herz zerfließt schon gleich zu Beginn, wenn der kleine George tapfer die Wange hinhält, als er den betrunkenen Apotheker vor einem tödlichen Irrtum bei der Medikamentenausgabe bewahrt. Ich will doch diese tränendrückende Reise durch sein entbehrungsreiches Leben! Eine Reise, bei der ich danach aufgewühlt in den Spiegel schaue und mich frage, wie ich selbst ein besserer Mensch sein könnte.

    Doch diese erneute Sichtung machte mir erst bewusst, welche lebensphilosophischen Gräben sich für mich heute auftun, wenn ich dieser Huldigung konservativer Ideale ausgesetzt werde, die sich im vierten Akt unerträglich auftürmen. Klar, da spreche ich ausschließlich für mich selbst.

    Schwerwiegender für den Zuschauer ist doch eigentlich, dass die Fallhöhe unseres Protagonisten so begrenzt ausfällt. George Bailey’s Weste ist so strahlend weiß, das er noch im Schneegestöber als Engel auf Erden erscheint. Was diesen Menschen in den Selbstmord treibt, bleibt wage. An dieser Stelle muss ich aber auch gestehen, dass mich während der Feiertage die Erzählung von Charles Dickens “A Christmas Carol” direkt ins Mark getroffen hat. Mit dieser tief gehenden Lebensstudie als Folie darüberliegend, erscheint mir Frank Capra’s Film zwangsläufig als unreflektiertes und überlanges Kitschfest. Alle Figuren sind enorm eindimensional, jede Komplexität wird vermieden. Eine Ausnahme, das angedeutete Fernweh von Bailey, findet aus meiner Sicht daher auch keine Auflösung – eine von vielen verpassten Chancen in diesem Film.

    Um meine Herzlosigkeit nicht weiter auszustellen, flüchte ich mich in die versöhnlichen Worte von Orson Welles, denen ich uneingeschränkt zustimme:

    “Well, yes — hokey. It is sheer Norman Rockwell, from the beginning to the end. But you cannot resist it! There’s no way of hating that movie.”

    > Orson Welles über “It’s a wonderful Life”, zitiert aus dem Buch “My Lunches with Orson: Conversations between Henry Jaglom and Orson Welles”, dieser und einige weitere Auszüge zu lesen hier: http://carole-and-co.livejournal.com/621146.html

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  3. Thomas

    Hier folge ich dir nicht. Zunächst: Dickens Figuren sind ebenso eindimensional, nur dass dir hier die Fallhöhe stärker vorkommt (mir nicht) und es dadurch nicht so ins Gewicht fällt.
    Was die Dicken’sche Weihnachtsgeschichte stärker hat, ist das kathartische Moment. Scrooge ist nun einmal ein Kotzbrocken, der sich am Ende zum Wohltäter wandelt (wie glaubhaft das ist oder sein muss sei mal dahingestellt). Baileys hat, da hast du recht, eine strahlend weiße Weste. Das sorgt bei mir dafür, dass ich noch deutlicher mit ihm leide, während ich Scrooge leiden sehen will. Was uns zum Thema Fallhöhe bringt, bei dem wir auseinanderdriften. Vielleicht muss man konstatieren, dass so etwas subjektiv funktionieren kann. Du hast offensichtlich ein Problem mit dem Geld als MacGuffin, weil es für dich (symbolisch, ideologisch) zu stark aufgeladen ist – ein unschöner Ausdruck für den Kapitalismus. Für mich stellt sich diese Hürde nicht da. Ich sehe das verlorengegange Geld lediglich als den Punkt, an dem Baileys droht, alles zu verlieren. Diese Fallhöhe ist enorm (und sie wird im nachfolgenden Part des Films in aller Deutlichkeit illustriert). Baileys hat die Stadt erst zu einem lebenswerten Ort gemacht, in dem die Menschen auf ihr gegenseitiges Wohlergehen achten, statt nur auf die Finanzen. Durch das verlorene Geld und den damit einhergehenden Niedergang der Bank, droht Potter die Stadt zu übernehmen. Das wird auch alles sehr deutlich gemacht, bevor wir die Auswirkungen live erleben. Ich verstehe also nicht, wo du die Fallhöhe vermisst.

    Ich möchte noch einmal einen weiteren Film hinzuziehen, der schön zwischen der Dicken’schen Weihnachtsgeschichte und “It’s a wonderful life” schwebt: “Und täglich grüßt das Murmeltier” greift sich Elemente aus beiden Geschichten und verrührt sie zu einer hinreißenden Komödie. Tatsächlich mag dieser Film die Fallhöhe gegenüber den Vorgenannten vermissen lassen, er schafft es aber wunderbar, Charaktere aufzubauen, die mich mitreißen. Der Protagonist IST das Arschloch ‘Scrooge’, ohne aber gar so stereotypisch daherzukommen wie bei Dickens. Tatsächlich gelingt es, die Figur, trotz Arschloch-Attitüde, sympathisch darzustellen. Hier liegt die große Stärke von “Murmeltier” – durch ständige Wiederholungen werden die kleinen Details des Films hervorgehoben. Nach einer halben Stunde Laufzeit fühlen wir uns fast heimisch mit der kleinen Pfütze am Straßenrand, dem kalten Wasser aus der Dusche, den nervigen Reden des Bürgermeisters und natürlich – dem Song. Durch diese Details kommt uns das Leben Phil Connors näher. Wir haben eigentlich keine andere Wahl, als ihn liebzugewinnen.
    Bei Dickens gibt es das auch, aber doch sehr oberflächlich, weil er mit Scrooge schlicht einen zu bösen, zu leidenden Protaonisten hat.
    “It’s a wonderful life” aber zieht wie das “Murmeltier” seine Stärke, seine Figurenentwicklung, das Mitfiebern des Zuschauers aus den sich wiederholenden Details. Das komische Wunschfeuerzeug, das uns schon früh und dann wiederkehrend von seinen Träumen erzählt (die sich natürlich ändern), das Bild des Mondes, der gelassot wird, das Lied der beiden Liebenden. In diesen Details kommt uns Baileys näher, wird er uns sympathisch. Und in diesen Details zeigt sich uns später, als die Stadt sich vollkommen verändert hat, sein Verlust.

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